Aufbruchsstimmung auf St.Galler Plätzen?

Medienmitteilung

Aufbruchsstimmung auf St.Galler Plätzen?

Zum Balanceakt zwischen Interessenkonflikten und urbanen Visionen

Bei den aktuellen Vorhaben zur Platzneugestaltung fallen interessante Parallelen auf: Beide Siegerprojekte zeigen sowohl interessante Ansätze als auch einiges Verbesserungspotential. Dasselbe gilt auch fü r die bisherige Planung. So sollte in einem partizipativen Prozess über unterschiedliche Varianten diskutiert werden. Grundsätzlich ist der Verlust bestehende n Kulturgutes nur verantwortbar, wenn er realen Mehrwerten Platz macht. Auch ein drohender Verkehrskollaps im Raum Schiebenertor sollte mit hoher Priorität vermieden werden.

 


Jahrzehntelang blieben sowohl die Umgebung des Bahnhof- wie auch des Markplatzes, den bedeutendsten Knotenpunkte des städtischen öV, vom spröden Charme asphaltierter Warteräume und in die Jahre geko mmenen Wartehäuschen geprägt. Nun aber wird das als behäbig geltende St. Gallen von Aufb ruchsstimmung infiziert: Beiden Plätzen soll frisches Leben eingehaucht werden, indem si e endlich vom motorisierten Individualverkehr entlastet und zeitgemäss gestaltet werden.

 

Auf den ersten Blick gefällt am Vorgehen der Stadtverwalt ung, dass je ein Ideenwettbewerb ausgeschrieben und mit der Präsentation der Vorschläge eine öffentliche Diskussion zu Funktion und Gestaltung öffentlicher Räume angeregt wurde. Auf den zweiten Blick fällt jedoch die bescheidene Beteiligung an den anscheinend als mässig attraktiv empfundenen Ausschreibungen auf. Das dürfte kein reines Provinz-Phänomen sein, sondern mit der Akribie zusammenhängen, wie in engmasch iger Stickereitradition alles Mögliche als ‚Rahmenbedingung‘ vorgegeben wurde. Es darf jedoch bezweifelt werden, ob daraus Bedeutenderes resultiert, als wenn in einer zielorientierten Ausschreibung eingehende Ideen gerade auch bezüglich ihrer Praktikabilität und Funktionalität in Konkurrenz treten.

 

Auffällig ist auch der Entscheid, im Falle Markplatz-Bohl ein nicht regelkonformes Projekt weiter zu verfolgen, während beim Bahnhofsplatz visionär wirkende Vorschläge z.B. auf den Ehrenplätzen drei bis fünf gelandet sind. Die Siegerprojekte aus grünliberaler Sicht:


A)
Bahnhofplatz

Vom menschenfreundlich wirkenden Gestaltungsvorschlag mit Bäumen und Wasser für den Kornmarkt verlängert sich die bewusst offen gehaltene Verbindung zur östlichen Bahnhofsunterführung, wo das heutige T onnendach einem dominant wirkenden Glaskubus weicht. Dieser verspricht Ankommenden letzten grossflächigen Witterungsschutz vor dem Aufsuchen der zurückhaltenden Wa rtebereiche. Angesichts zunehmender öV-Frequenzen fragt sich allerdings, ob di e ebenfalls transparenten Wartebereiche genügend dimensioniert sind. Sowi e, ob die ausschliesslich oberirdische Durchmischung sämtlicher Verkehrs- und Passantenströme der Weisheit letzter Schluss ist. Prüfenswert könnte auch sein, ob die bereits doppelt angel egte Westunterführung sich als Querverbindung für Zweiräder umnutzen lässt: Ei ne fällige Ergänzung zu r unbefriedigenden Si-
tuation auf der St.Leonhard-Brücke.

Interessant könnte auch die Frage werden, wie lange es wohl dauert, bis kommende
Stadtplanungsgenerationen das historische Bahnhofsgebäude wieder von der zeitgeistigornamentalen ‚Megalaterne‘ an ihrem Ostende zugunsten eines freien Durchblicks Richtung Rosenberg zu befreien suchen. Auch der Umgang mit der offensichtlichen Herausforderung Lichtverschmutzung sollte gut überlegt sein.


B)
Marktplatz

Im Bereich Blumenmarkt weint die Grünliberale Partei den häufig verrammelten Hüttchen trotz ihrer Farbe keine Tränen nach. Vielmehr begrüsst sie den Integrationsvorschlag verschiedener Nutzungen in einem umgebende Formen aufnehmenden Holzpavillon, welcher je nach Wetter und J ahreszeit nach innen oder aussen orientierbar ist. Ob allerdings eine planwirtschaftliche Angebotssteuerung überhaupt nötig ist, kann man bezweifeln. Bereits heute platzen die im breiteren Bohl angesiedelten Wartebereiche oft aus allen Nähten und grösszügig dimensionierter Witterungsschutz in beide Fahrrichtungen sollte in St.Gallen selbstverständlich sein. Weiter riskiert eine Haltestelleverlegung zum Pavillon den Verkehrsfluss an der kritischen Schiebernertor-Kreuzung periodisch durch Rückstau zum Erliegen zu bringen.
Angesicht vielfältiger Alter nativangebote (z.B. Webersbleiche, Einstein, Brühltor, Fachhochschule u.a.m.) ist zusätzlicher Parkraum unter dem Union sachlich nicht zwingend mit der Aufhebung der oberirdischen Partkplät ze verknüpfbar. Ausserhalb des Projektperimeters drohen von der Abend- bzw. Mor gensonne privilegierte Cafés am massiv verkehrsbelasteten Oberen Graben weiter an Attra ktivität zu verlieren. Schon wegen der ungünstig hineingemurksten Ein- und Ausfahr t, welche die verkehrliche Achillesferse zusätzlich strapaziert, sollte ein City-Parking Schiebenertor unbedingt als eigenständige Variante vorgelegt werden. Die Frage muss er laubt sein, ob unterirdische Verkehrsentlastungen wie z.B. Metro oder Strassenabschnitte zukunftsweisender sein könnten als deren Blockierung durch eine erneuten Zusatzverkehr generierende Tiefgarage.


C)
Bohl

Dann ist da noch die durchaus interessante Idee, den Bohl völlig fr eizuspielen und grössere Menschenansammlungen zu erleichtern, wie sie in St. Gallen allerdings selten sind. Nun wird der Bohl damit nicht nur witterungsbedingt kaum zur mediterranen Piazza, denn dafür fehlen am ehema ligen Bollwerk sowohl vom Grundr iss als auch von der angrenzenden Bebauung her die Voraussetzungen.

Über die Bedeutung der an eine Glasmuschel erinnernden Teilübe rdachung von Santiago Calatrava darf man unterschiedlicher Meinung sein. Tatsache aber bleibt, dass nach anfänglichem Befremden ein Grossteil der Stadtbevölkerung diese inzwischen schätzen gelernt hat und deren Qualität auch darin besteht, dass sie polarisiert und zum Denken anregt. Z.B. über jenen skurrilen ‘Wettstreit‘ zwischen Kanton und Stadt St.Gallen Ende des vergangenen Jahrtausends, wer sich mehr Calatrava leiste. Oder über die Vergänglichkeit unseres Wirkens, indem sie daran erinnert, dass auch dieser Ort vor langer Zeit am Meer lag – und irgendwann wohl wieder zum Strand werd en wird. Indem das Gute dem Besserem Platz machen darf, sollte auch die als Wartehalle konzipierte ‘Wetterbremse‘ Calatravas nicht sakrosankt sein. Allerdings fällt auf, dass eine filigrane Überdachung, wie sie z.B. beim Bahnhof Bern realisiert ist, im wesentlich niederschlagsreicheren St.Gallen nur Seitens der Bevölkerung di skutiert wird – in den Fachgremien anscheinend nicht. Auch eine Sichtbarmachung urspr ünglicher Strukturen wie dem Ira-Bach wurde nicht ernsthaft geprüft.
Ein ideenloser Abbruch von Calatravas postmoderner Metall-Glas-Konstruktion um deren blosses Entfernens willen wäre als Fortsetzung des voreiligen Theaterabbruchs zugunsten einer langjährigen Baugrube so fragwür dig wie deren ‚Ersatz‘ als ’schlichte‘ 0815-Konstruktion.

 

Unser Verständnis von Urbanität

Wir Grünliberalen sind überzeugt, dass die Attr aktivität innerstädtischer Räume gerade in ihrer Vielfalt liegt, in der Lebendigkeit, die sich aus parallelen, manchmal konkurrierenden und sich reibenden, aber immer wieder überraschenden Nutzungen ergibt. Dieses Mitund Nebeneinander erfordert eine liberale Grundhaltung der Akteure, wie sie in städtischen Gebieten traditionell stärker ausgeprägt ist als in ländlicheren. Auch eine möglichst multifunktionale und inspirie rende Gestaltung des öffentlichen Raumes kann unterstützend wirken, indem sie einlädt zum Verweilen, zur Entschleunigung oder gar zum Nachdenken. Steril entleerte Plätze hingegen würden speziell in Randstunden zu Unorten, wo auch bei exzessiver Beleuchtung, Überwachungskameras und Doppelpatrouillen sich kein echtes Wohlgefühl einstellt.

 

Im derzeitigen Stadium gilt für die Projektideen ebenso wie für das Vorgehen der Stadtverwaltung, dass durchaus spannende Ansätze erkennbar sind – ebenso wie bedeutendes Verbesserungspotential. Beispielsweise könnte Absichtsbekundungen wie z.B. einem partizipativen Planungsprozesses wohl innovativer nachgelebt werden als mit akademisch wirkenden Fachgremien und nachgeschalteten Informationspodien. Vielleicht könnte ab und zu gar ein Einbezug guter Ideen von nicht erstprämierter Seite ein konkretes Projekt verbessern? Schliesslich ge hören unverhältnismässige Verkehrsregelungen endgültig ausgemustert, welc he Velos in innenstädtischen Räumen ausgrenzen und gleichzeitig die Gassen mit Grossfahrzeugen verstopfen.


Über Einzelprojekte ist separat zu entscheiden – aber im Bewusstsein, dass der Bereich zwischen Waaghaus und St.Leonhard als zusammengehöriges Ganzes funktionieren muss. Den verantwortlichen Akteuren ist zu wünschen, dass sie sensibel genug nach der Balance zwischen Aufbruchwillen und Rücksi chtnahme suchen, damit die gestarteten Vorhaben nicht vom Parlament oder Volk versenkt zu werden brauchen – nur um später neue Anläufe zu ermöglichen.