Ideen entstehen und gedeihen an Orten, die inspirieren, verbinden und Identität stiften – z.B. in Brachen und Zwischennutzungen, wo Unternehmertum auf Kultur trifft. Erfolgreiche Start-ups bedingen eine Ermöglichungskultur und Pragmatismus ohne Swiss Finish.
Interpellation FDP-/JF-Fraktion, die Mitte/EVP-Fraktion, GLP-Fraktion, SVP-Fraktion:
Startup-Ökosystem: Potenzial für St.Gallen
Jacqueline Gasser-Beck im Namen der Fraktion
Zunächst danken wir dem Stadtrat für die aufschlussreiche Zusammenstellung der bestehenden Massnahmen sowie für die Einschätzung der Ausgangslage. Insbesondere die realistische Einordnung der Ausstrahlung St.Gallens als urbanes Zentrum ist erfrischend ehrlich gehalten.
Nicht ganz so offen und ehrlich ist der Stadtrat in der Einschätzung der strategischen Verankerung.
Die Vision 2030 formuliert zwar den Anspruch, Zentrum für Innovation und Unternehmertum zu sein, ein klares politisches Bekenntnis zur aktiven und gestaltenden Start-up-Förderung lässt sich daraus aber nicht überzeugend ableiten.
Diese Unschärfe die auch als Passivität gewertet werden könnte, setzt sich in der konkreten Umsetzung fort.
In den Antworten des Stadtrats wird wiederholt auf bestehende Akteure wie SIP Ost, Startfeld oder START Global verwiesen, die finanziell unterstützt werden. Das ist richtig und wichtig, aber gleichzeitig entsteht der Eindruck, dass die Rolle der Stadt primär darin besteht, Förderung zu delegieren, statt sie aktiv strategisch zu steuern.
Immerhin lässt sich festhalten, dass im Gegensatz zur dezenten strategischen Führung, die operativen Akteure – hier leider auch nicht alle – aktiv und präsent in Erscheinung treten. Insbesondere Initiativen wie START Global entfalten internationale Strahlkraft. Sie bringen Talente, Kapital und Ideen nach St.Gallen und wirken weit über die Region hinaus. Davon profitiert nicht nur die Start-up-Szene, sondern der gesamte Standort.
Dieses Stärke könnte seitens Stadt konsequenter genutzt werden.
Wenn sich einmal im Jahr beim START Summit Jungunternehmerinnen und Jungunternehmer aus der ganzen Welt in St.Gallen treffen, dann soll das nicht das am besten gehütete Geheimnis sein. Vielmehr sollte die Stadt diesen Spirit mit Side-Events und Formaten im öffentlichen Raum mit einer gezielten Einbindung der Bevölkerung fördern. Ähnlich wie beim «Symposium in Town». Heute nimmt ein grosser Teil der St.Galler Bevölkerung von diesem Event kaum Notiz, obwohl hier Ideen entstehen, die unsere wirtschaftliche und gesellschaftliche Zukunft prägen können.
Damit sind wir beim zweiten Punkt, auf den ich kurz eingehen möchte: der Urbanität.
Der Stadtrat benennt die Herausforderung klar. St.Gallen ist klein, und Urbanität entsteht nicht automatisch.
Doch gerade aus dieser Analyse müsste eine mutigere Konsequenz folgen.
Ein Innovationsstandort im Lerchenfeld mag funktional sein. Er ist aber kaum der Ort, an dem eine lebendige Start-up-Kultur entsteht. Wer Talente anziehen will, braucht mehr als Infrastruktur. Man braucht Orte, die inspirieren, verbinden und Identität stiften.
Solche Orte entstehen selten auf dem Reissbrett.
Erfolgsversprechend sind vielmehr Brachen wie der Güterbahnhof oder das Areal Bach mit optimaler ÖV-Anbindung, Zwischennutzungen oder gewachsene Quartiere mit Charakter wie Linsenbühl oder Lachen. Räume, die nicht perfekt sind, aber genau deshalb kreativ. Dort trifft Unternehmertum auf Kultur, dort entsteht der Austausch, der Innovation trägt und unsere Gesellschaft verbindend weiterentwickelt.
Und trotzdem wäre es zu einfach, die Zukunft allein an solche Bilder zu knüpfen.
Denn nicht jedes erfolgreiche Start-up braucht den Hipster-Groove.
Ein erfrischendes Gegenbeispiel ist hier Meteomatics. Ein Deep-Tech-Unternehmen aus St.Gallen, das global skaliert. Gründer Martin Fengler brachte es in einem Interview kürzlich auf den Punkt: St.Gallen bietet Talent, Fokus und Stabilität. Internationale Sichtbarkeit entsteht durch Exzellenz, nicht durch eine Postleitzahl.
Genau darin liegt die eigentliche Herausforderung.
Bei Start-up-Förderung geht es nicht um entweder-oder, also um Szene oder Substanz. Auch geeignete Räume oder elaborierte Förderprogramme sind wohl nicht die entscheidenden Hebel. Es ist vielmehr die Ermöglichungskultur und der nötige Pragmatismus ohne Swiss Finish, um ein fruchtbares Start-up Umfeld zu kreieren.
Die Grünliberalen sehen hier grosses Potenzial und sehen den Stadtrat in der Rolle des aktiven Ermöglichers.