Neben seinem Drang, Neues zu entdecken, hat der Mensch auch für seinen Lebensunterhalt Wege zurückzulegen. Für eine Stadt wie St.Gallen ist der touristische Verkehr im Vergleich zum Alltagsverkehr sekundär. Doch gerade der Alltagsverkehr liesse sich einfach reduzieren, indem die Wege kürzer würden. Das reduziert die Mobilitätsmenge. Wir müssen arbeiten, müssen essen und wollen uns treffen. Für die Wahl dieser Ziele sind Kosten und Aufwand für den Weg ein Kriterium. Darum sollte es das Ziel der Verkehrspolitik sein, dass Arbeits-, Bildungs, Ver- und Entsorgungseinrichtungen – Orte des täglichen Bedarfs – möglichst nahe an den Wohnorten der Bevölkerung liegen. Das ist die Idee der 10-Minuten-Stadt. Jede und jeder soll seine alltäglichen Ziele zu Fuss, mit dem velo oder dem ÖV in 10 Minuten erreichen können. Für die Raumplanung bedeutet dies, Städte wachsen organisch an deren Rändern oder erneuern sich gegen innen. Ziele die hohe Verkehrsfrequenzen verursachen wie Verwaltungszentren, Bildungseinrichtungen, Einkaufszentren oder Ausgehviertel gehören in die Nähe von Mobiliätshotspots. In St.Gallen sind dies Hauptbahnhof, der neue Westbahnhof und die Bahnhöfe St.Fiden und Winkeln, etwas untergeordnet Gütebahnhof, Riethüsli aber auch die Busknotenpunkte Neudorf- und Heiligkreuzplatz.
In einer 10-Minuten-Stadt muss nur in Ausnahmefällen zum Auto gegriffen werden, z.B. aus Transportgründen oder wenn bestimmte Wege mit dem anderen Verkehrsmitteln unverhältnismässig viel Zeit in Anspruch nehmen. Für diesen MIV müssen funktionierende Strassen bereitgestellt sein.
In einer liberalen Gesellschaft lassen sich Läden und Restaurants nicht einfach per Verordnung in die Quartiere stellen. Die gewünschte Entwicklung gilt raum- und städteplanerisch zu steuern.
Der Umkehrweg hingegen ist einfach: Der Mensch misst seine Wege in Minuten, nicht in Kilometer. Er legt für seine Ziele ein Zeitbudget fest. Er möchte z.B,. nicht länger als 30 Minuten für seinen Arbeitsweg brauchen. Kommt er wegen einer neuen Strasse innert diesen 30 Minuten weiter, so sucht er sich seinen Arbeitsort auch in einem weiteren Radius. Diese Aussage gilt im übrigen auch für neue ÖV-Angebote. Die Wirtschaft denkt gleich. Ist z.B. die Filiale einer Bekleidungskette in einer grösseren Stadt wegen einer neuen Strasse schneller erreichbar, braucht sie in der Kleinstadt nicht noch eine Filiale zu führen. Heruntergebrochen auf ein Stadtzentrum und seine Aussenquartiere passt der Vergleich Läden des täglichen Bedarfs oder der Post. Sind Quartierplätze unattraktiv und die Wege ins Zentrum schnell zurücklegbar, so werden Quartierniederlassungen geschlossen.
Doch nun wird es ideologisch. In der Politik wird als Ideologie gesehen, wenn für eine Lösung die Interessen einzelner als das Ideal für die Masse angesehen wird, die betreffende Lösung in dieser Grössenordnung aber nicht mehr funktioniert. Der Anspruch, dass man zu jeder Zeit mit seinem Auto überall hinfahren kann und dort einen günstigen bis kostenlosen Parkplatz findet, ist somit auch eine Ideologie genau so wie die Vorstellung, dass in einer Stadt nicht mit dem eigenen Auto gefahren werden können muss.
Grünliberale Politik ist es, austarierte Lösungen zu finden und wenn nötig durch Lenkungsmassnahmen Angebot und Nachfrage in die Waage zu bringen und dabei die Ressourcen und das Klima zu schonen.
von Markus Tofalo